Vom Wert von Flüchtlingen und Ureinwohnern

Wer vom Faschismus reden will,
sollte vom Kapitalismus nicht schweigen.
(frei nach Max Horkheimer)

Wenn die Kanzlerin und all diejenigen, die ihr noch zur Seite stehen, allen voran die Vertreter der Wirtschaft, sich an die Öffentlichkeit wenden, um die Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik von deren Angemessenheit zu überzeugen, dann berufen sie sich diesbezüglich nicht nur darauf, dass die Aufnahme notleidender Menschen ein Gebot der Humanität, das Asylrecht verbrieftes Verfassungsrecht sei, sondern auch gerne darauf, dass in der Bundesrepublik der Arbeitsmarkt einigermaßen leergefegt sei und Fachkräftemangel herrsche, der demographische Wandel keine Änderung dieses Zustandes erwarten lasse und „wir“ deshalb Zuwanderung bräuchten, um unseren Lebensstandard zu erhalten. Suggeriert wird, dass moralische Werte und wirtschaftliche Interessen zusammenstimmten gemäß dem urbürgerlichen Credo, dass Freiheit, Gleichheit und sogar auch Brüderlichkeit – wie in diesem Fall – nur auf dem Boden der kapitalistischen Produktionsweise aufblühen könnten.

Schwerlich jedoch bedürfte es solch angestrengter Überzeugungsarbeit, wäre jener angeblich unverbrüchliche Glaube nicht schon längst gründlich erschüttert. Und tatsächlich wird er durch die Argumentation Merkels vollständig ausgehöhlt. Was angeblich die Aufrechterhaltung des Asylrechtes stützen soll, ist aus demselben Holz geschnitzt wie die Argumente jener, die dieses Recht am liebsten abschaffen möchten. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die Debatte innerhalb der Parteien, insbesondere der CDU, tobt. Beide Seiten, Merkel wie ihre Kritiker unterstellen das Recht auf Asyl dem Vorbehalt der wirtschaftlichen Brauchbarkeit der Flüchtlinge. Sie desaouvieren damit das, was sie als Wert proklamieren, den politischen Zweck, indem sie nicht von ihm ausgehen und die geeigneten wirtschaftlichen Mittel suchen, ihn zu erreichen, sondern von den wirtschaftlichen Mitteln aus beurteilen, ob und wie bestimmte Zwecke noch realistischer Weise zu verfolgen seien. Aus beider Argumentationen spricht nur ein Bekenntnis, und das ist keineswegs das zum Asylrecht, das längst zur rhetorischen Figur herabgesunken ist, sondern allein das zur kapitalistischen Produktionsweise und zur Verwertung des Werts als dem höchsten anzustrebenden Gut.

Gestritten wird der Sache nach deshalb auch nur darüber, ob die Wirtschaftlichkeit der Flüchtlinge gegeben sei, darüber, ob sie einen Wert haben. Wie die Kanzlerin sich eine Mehrung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Arbeitsleistung der Flüchtlinge und zusätzliche Sozialbeiträge erhofft, so fürchten ihre Gegner eine Überforderung des Sozialsystems und eine Schädigung des Wirtschaftsstandorts Deutschland durch eine Zuwanderung vermeintlich katastrophischen Ausmaßes, wie Formulierungen wie „Flüchtlingsinvasion“, „Flüchtlingsstrom“ oder „Flüchtlingswelle“ nahelegen. Sie stellen sich auf den Standpunkt des religiös angehauchten Zynikers Peachum aus Brechts Dreigroschenoper und singen wie der sinngemäß: „Wir wären ja gerne gute Menschen, aber die Verhältnisse, sie sind nicht so!“ Man mag ihnen Provinzialität und Zurückgebliebenheit in jeder Hinsicht vorwerfen, mitnichten jedoch, dass sie rassistischer argumentieren würden als die Kanzlerin. Ihr kommt das Verdienst zu, die politische Diskussion – und zwar nicht erst in der Flüchtlingskrise – auf einen bürgerlichen Vulgärmaterialismus zu verengen, der eigentlich keiner ideologischen Verbrämungen mehr bedarf und den sie gerne als Pragmatismus ausgibt. Sie ist es, die die Prämisse des modernen ökonomischen Rassismus zur Leitlinie einer jeden angeblich realistischen Politik erhoben hat, nämlich dass der Wert eines Menschen nach dessen wirtschaflichen Nutzen zu bemessen sei.

Was da derzeit auf der politischen Bühne ausgetragen wird, trägt alle Züge des angeblich obsoleten Klassenkampfes außer einem, von Klassenbewusstsein ist keine Spur zu finden. Die kapitalistische Wirtschaft, als deren rigorose politische Vertreterin sich die Kanzlerin seit ihrem Amtsantritt zu profilieren sucht, wünscht und braucht stets ein möglichst breites Angebot an Arbeitskräften. Das erlaubt ihr den Preis der Ware Arbeitskraft niedrig zu halten oder gar abzusenken, weil ihn dann die Nachfrage bestimmt. Und zum Glück für die Unternehmen produziert die kapitalistische Produktionsweise dank ihrer Rationalisierungsdynamik auch systematisch einen Überschuss an Arbeitskräften, sodass Ökonomen und Statistiker bereits von Vollbeschäftigung sprechen, wenn die Arbeitslosenrate unter 5% sinkt. Droht dieser Grenzwert an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit erreicht zu werden, wird der Wirtschaft gar in einer solchen Ausnahmesituation ein gesetzlicher Mindestlohn verordnet, gibt es immer noch das Mittel der Zuwanderung, um für ein erträgliches Preisniveau zu sorgen. Dementsprechend können und wollen die Unternehmen die Errungenschaften der Globalisierung und der europäischen Vereinigung mit ihrer Arbeitnehmerfreizügigkeit und dem Binnenmarkt für den Warenverkehr nicht missen, da sie ihnen garantieren, dass egal, wohin das Kapital flukutiert, sich alsbald auch die nötigen Arbeitskräfte einfinden, vermittels deren Ausbeutung sich der Wert allein verwerten kann. Es nimmt also wenig Wunder, wenn in einer Phase, in der die Preise für die Ware Arbeitskraft seit langem wieder einmal steigen, Wirtschaft und Presse für eine „Willkommenskultur“ in Bezug auf die Flüchtlinge eintreten.

Die ansässigen Arbeitskräfte müssen hingegen exakt gegenteilige Interesse haben. Sie brauchen Knappheit auf der Angebotsseite, um überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden und einen anständigen Preis für ihre Ware aushandeln zu können. Die Vermehrung der potentiellen Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt hält aber nicht nur die Preise niegrig oder sorgt gar wieder für ihre Absenkung, sondern es gehen im Konkurrenzkampf einige der Ich-AGs, als die die Arbeitskräfte längst fungieren, auch bankrott. Dass die Unternehmen stets aus einem ausreichenden Arbeitskräftereservoir auswählen können müssen, wen sie für geeignet halten, hat zur Folge, dass eben auch ein Bodensatz solcher Bewerber kreiert wird, die sich nicht zu den Auserkorenen zählen dürfen. Es ist nun gleichgültig wie man diesen Bodensatz benennt, ob man eher verharmlosend neutralisierend von strukturell Arbeitslosen, von Hartz-IV-Empfängern, Langzeitarbeitslosen oder polemisch von einer industriellen Reservearmee spricht, gemeint ist eine stets wachsende relative Arbeiterüberbevölkerung im Verhältnis zur Absorbtionskraft des Kapitals, von der eine ebenso wachsende Anzahl kaum noch eine Chance hat, in den Produktionsprozess wieder einzutreten, wenn sie erst einmal eine geraume Zeit aus ihm herausgefallen sind.

Wer zu diesem Bodensatz hinabsinkt, gilt in der bürgerlichen Gesellschaft als tendenziell wertlos, weil nicht mehr verwertbar. Wessen Arbeitskraft aber den Kapitalprozess nicht mehr beleben kann, der sinkt auf den Status eines Dings herab. Zwar hat er dann noch immer einen Wert, weil die kapitalistische Wirtschaft eine Warenwirtschaft ist und deshalb alles, selbst der Müll, Warenform annimmt, er reduziert sich jedoch auf seinen Materialwert. Die Nationalsozialisten haben nur mit der ihnen eigenen allerletzten Konsequenz diesem wirtschaftlichen Tatbestand Geltung verschafft. Als sie Schulbücher einführten, in denen Kindern die Aufgabe gestellt wurde, den Materialwert eines Menschen zu berechnen, ging es ihnen um eben den Bodensatz der vermeintlich Arbeitsunfähigen, die die Schülerinnen und Schüler als Belastung für die Volksgemeinschaft identifizieren sollten, weil die Kosten ihrer Erhaltung ihren Nutzen für die Gemeinschaft der Volksgenossen bei weitem überstiegen. Sie sollten lernen, dass es nicht nur in der Kosten-Nutzen-Rechnung deutlich ökonomischer sei, diejenigen, die sozial bereits für tot erklärt worden waren, auch physisch umzubringen, sondern auch folgerichtig, weil sie tot sein mussten, bevor man ihre Goldzähne herausbrechen, einschmelzen und verkaufen, die Haut für Lampenschirme verwenden oder mit ihrem Fett Seife produzieren konnte.

Angesichts dieser Möglichkeit muss sich bereits glücklich schätzen, wer in Ruhe verhungern darf, wenn er keinen Arbeitsplatz findet, erst recht aber derjenige, der in einem Land mit einem noch einigermaßen funktionierenden Sozialsystem lebt. Der Fortbestand solcher Sozialsysteme muss für die Individuen umso wichtiger werden, je mehr im Zuge der Globalisierung die Konkurrenz sich ausweitet und zugleich durch Rationalisierungen ihnen die Arbeitsgelegenheiten abhanden kommen. Selbst in einem Land wie der BRD, wo die Wirtschaft floriert und die Erwerbstätigenquote beständig zunimmt, wird damit nur verdeckt, dass zugleich das Arbeitsvolumen ebenso beständig abnimmt. Aber statt daraus den Schluss zu ziehen, die Sozialbeziehungen gänzlich umzugestalten oder wenigstens die Sozialsysteme auszubauen, werden sie vielmehr abgebaut und der Druck auf die Individuen erhöht. Die Warenförmigkeit der einzigen Ware, die sie anzubieten haben, ihrer Arbeitskraft, steht zur Disposition, weil die Bedingungen, unter denen sie noch verkäuflich ist, sich verschärfen. Und die neoliberale Propaganda bläut ihnen ein, dass sie sich gefälligst selbst darum kümmern sollen, dass sie verkäuflich bleibt.

Denn der Staat muss schlanker werden. Derselbe Rückgang des Arbeitsplatzangebotes, der es so schwierig macht, sich den eigenen Lebensunterhalt zu erwerben, greift die Verwertung des Kapitals an, die sich nunmal aus der Ausbeutung der Arbeitskraft speist. Es wäre fatal, wenn der Staat per Steuererhebung Geld abschöpfte, um die Sozialversicherungen zu stützen. Die Verwertung abzuwürgen, die das alles beherrschende Movens des kapitalistischen Produktionsprozesses ist, hieße den Ast abzusägen, auf dem man sitzt. Die derzeit sprudelnden Steuerquellen bringen vielleicht das Dogma der schwarzen Null, dem sich die Regierung Merkel / Schäuble verschrieben und gegen Griechenland mit aller Härte auch auf europäischer Ebene durchgesetzt hat, zum Wanken, stürzen werden sie es nicht. Dazu ist die makroökonomisch betrachtet gute Wirtschaftslage in der BRD absehbar eine viel zu temporäre Angelegenheit und viel zu abhängig davon, dass vor allem die europäischen Partner in ihrer Misere verharren. Wenn aber die Finanz- und Sozialpolitik vom Fetisch der schwarzen Null beherrscht wird, wird jeder, der die vier Grundrechenarten erlernt hat, sich ausrechnen, dass ein erheblicher Zuzug von Menschen, die zunächst unmittelbar soziale Unterstützung brauchen und in Zukunft anspruchsberechtigt sein werden, die Erosion der Sozialsysteme vorantreiben wird. Aus dieser Perspektive muss die Aufnahme von Flüchtlingen als weiterer Bestandteil des neoliberalen Programms erscheinen, den Sozialstaat wenigstens zu beschränken, wenn nicht gar zu zerstören. Merkels Politik der Öffnung setzt sich, betrachtet man sie im Zusammenhang mit ihrem bisherigen Tun, dem Verdacht aus, die Flüchtlinge im Sinne der Globalisierung zu instrumentalisieren. Zumindest kann das „Wir schaffen das“ misstrauisch machen, wenn man an die vielen Klagen darüber denkt, dass die Sozialausgaben nicht länger zu finanzieren seien. So wenig erstaunlich es ist, dass die Wirtschaft die Merkelsche Willkommenskultur willkommen heißt, so wenig kann es also auch verwundern, dass sich zur gleichen Zeit „besorgte Bürger“ auf den Straßen versammeln, um für eine Beschränkung der Zuwanderung zu demonstrieren.

Die skizzierten ökonomischen und politischen Strukturen sind der Boden, auf dem Gabriels „rechtes Pack“ wächst und gedeiht, das der Sozialdemokrat bis zu dem Zeitpunkt, als es auf seinen Demonstrationen Puppen von Politikern an Galgen baumelnd mit sich herumtrug, noch hofierte. Wie alle Studien zeigen, rekrutiert es sich gar nicht so sehr aus jenem Bodensatz derer, die als nicht mehr „employable“ stigmatisiert sind, sondern aus der Menge derjenigen, die sich von sozialem Abstieg bedroht sehen. Und das nicht zu unrecht. Richtig schätzen sie ein, dass die da oben genau diese Drohung für das entscheidende Movens halten, sich auch unter sich verschlechternden Arbeitsbedingungen ihrer Ausbeutung zu überlassen, und alles dafür tun, sie zu verschärfen, vor allem die noch nicht demontierten Restbestände des Sozialstaats, wenn es sich anbietet auch durch Zuwanderung, noch stärker unter Druck zu setzen, weil der nur überflüssige Lohnnebenkosten verursacht und grundsätzlich die Preise der Ware Arbeitskraft verdirbt, die ohne ihn deutlich niedriger sein könnten. Zum Pack werden die Agigatoren und Mitläufer von Pegida, AFD und Konsorten erst dadurch, dass sie, statt gegen perverse Sozialverhältnisse und ein irrwitziges Wirtschaftssystem auf die Straße zu gehen, ihre strukturelle Bedrohung personalisieren und die Flüchtlinge nicht nur als unliebsame Konkurrenten identifizieren, sondern sie gar zu Aggressoren stilisieren, die ihnen das eigentlich ihnen zustehende Geld und noch ihre letzten sozialen Rechte rauben wollen.

Dabei projezieren sie ihre eigene, genau in diesem Verhalten erscheinende Minderwertigkeit und Aggressivität auf die Ankommenden, erklären sie per se für kulturell, sozial oder religös zurückgeblieben und eine Gefahr für die innere Sicherheit, und verfolgen sie, sie mit sich verwechselnd, in allzu berechtigtem Selbsthass. Indem sie die Flüchtlinge nach ihrem Ebenbilde formen, malen sie die Gefahr, die sie von ihnen ausgehen sehen, in den grellsten Farben aus: Haben die Flüchtlinge erst einmal die Torturen ihrer Flucht überstanden, werden sie dankbar und glücklich sein, Aufnahme zu finden. Wie deren Bedingungen aussehen, wird ihnen vergleichweise gleichgültig sein, Hauptsache sie sind in Sicherheit. Hochmotiviert werden sie jede Art von Arbeit annehmen, wenn man sie nur lässt. Die gute Ausbildung, die zumindest ein Teil von ihnen hat, muss man hierzulande nicht anerkennen, weil angeblich die Abschlüsse in anderen Ländern nicht hiesigen Standards entsprechen, und so muss man sie nicht einmal für das bezahlen, was sie können. Solche Konkurrenten, die alles aufgegeben haben bzw. aufgeben mussten, die mit aller Kraft nach oben streben und ständig unter Beweis stellen müssen, dass sie besser sind als ihre schon lange hier ansässigen Kollegen, und dazu auch bereit sind, um letzten Endes weniger als die dafür zu bekommen, müssen bedrohlich wirken. Und das erst recht, wenn man, und das gibt der „german angst“ ihre spezifisch deutsche Färbung, daran denkt, welchen Umgang mit für arbeitsunfähig Erklärten und Sozialschmarotzern während des Nationalsozialismus hierzulande bereits einmal gepflegt wurde.

Zwar erscheint die Wiederholung der nationalsozialistischen Greuel heute in der BRD als Möglichkeit völlig abstrakt angesichts der bestehenden politischen Verhältnisse. Dass sie aber einmal möglich waren, hat sehr konkrete Auswirkungen. Weil die Nationalsozialisten ihre welthistorische Mission darin sahen, sich als willige Vollstrecker einer dem Kapitalverhältnis innewohnenden Logik zu betätigten, sich aber an den Produktionsverhältnissen nach dem Krieg wenig bis gar nichts änderte, und weil sie selbst nun einmal unter Beweis stellten, dass, was man für unvorstellbar halten sollte, zur geschichtlichen Realität werden kann, deshalb ist fruchtbar noch, der Schoß, aus dem das kroch. Zu vermuten steht, dass wenig in der BRD sich derart ins kollektive Bewusstsein eingefressen hat, wie die krude sozialdarwinistische Logik, die in der Endlösung der Judenfrage ihre mörderische Erfüllung fand. Die sonderbare Form dessen, was man in der BRD mit dem verräterischen Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ belegt, dürfte dazu, entgegen aller subjektiven Intention vor eben solchen Verhältnissen zu warnen, einiges beitragen. Sie dient nicht nur dem Gedenken der Opfer, sondern ebenso der beständigen Erinnerung daran, was jenen blühen kann, die nicht alles dafür tun, sich für den Arbeitsmarkt fit zu halten. Gerade diejenigen, die die rituellen Gedenkveranstaltungen ordentlich satt haben, endlich einen Schlussstrich unter die Nazigeschichte ziehen und wieder stolz sein wollen, ein Deutscher zu sein, wollen auch den Spuk der Geister der Erschlagenen loswerden, die sie daran gemahnen, dass solche vermeintlich abstrakte Möglichkeit bereits einmal zu geschichtlicher Wirklichkeit wurde und die perverse ökonomische Logik, die zu solcher Realisierung drängte, die Gesellschaft beherrscht, solange kapitalistische Produktionsverhältnisse fortbestehen. Ihre Sorgen und Ängste sind die vor dem, wozu ihre Vorväter fähig waren und wozu sie sich immer noch fähig fühlen. Der Alp der toten Geschlechter lastet deshalb in der BRD in ganz besonderer Weise auf dem Gehirne der Lebenden. Dazu bedarf es gar nicht der immer an die Wand gemalten tatsächlichen Wiederholung der Geschichte. An die glaubt sowieso keiner, der sich mit Historie auch nur ein wenig auskennt. Die Warnung vor der Gefahr der Wiederholung, die ständig heraufbeschworen wird, überblendet nur die Kontinuität der Geltung der ökonomischen Zwangsgesetze, die zu den Verbrechen führten. Sensibilisiert durch das Wissen über die Todesfabriken der Nazis, bedarf es keiner Krematorien mehr, um die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Jede Gedenkveranstaltung muss aber wie ein Hohn auf die Opfer wirken, solange man Flüchtende im Mittelmeer absaufen oder im Schlamm dahinvegetieren lässt oder sich überlegt, wie man sie in Camps in unsicheren Herkunftsländern zusammenpferchen und sich dort sich selbst überlassen kann.

Das ist aber genau das Horrorszenario, das in den Hirnen derjenigen herumspuken muss, die jeden Tag brav ihrer Bürgerpflicht nachkommen und pünktlich um 20 Uhr die Tagesschau anschalten, und sich dabei vorstellen, dass sie das Schicksal derer heimsuchen könnte, die sie gerade über die Mattscheibe flimmern sehen, wenn sie hier nicht mehr gebraucht = ausgebeutet werden können. Die Flüchtlinge sollen dort bleiben, wo sie gestrandet sind, weil sie so glauben, verhindern zu können, selbst zu den Wirtschaftsflüchtlingen zu werden, als die sie die anderen zu diskreditieren suchen, um sie sich vom Leibe zu halten. Das einzige aber, was sie von ihren vermeintlichen Widersachern, mit denen sie längst sozial in einem Boot sitzen, trennt, das Konkurrenzprinzip selbst, würden sie nie in Frage stellen. Schließlich predigt ihnen auch die Kanzlerin seit Jahren jeden Tag, dass der Wohlstand hierzulande nur aufrechterhalten werden könne, solange die deutsche Wirtschaft international wettbewerbsfähig sei. In ihrer sozialdarwinistischen Verblendung sind sie vollkommen davon überzeugt, dass dem ökonomischen „struggle for life“ der gesellschaftlichen Reichtum zu verdanken sei, von dem sie auch ihr Almosen abhaben wollen. Weil sie aber glauben, gegen die neuen Konkurrenten nicht bestehen zu können, fordern sie unterwürfig und frech zugleich von ihrem Vater Staat, dass er sein Volk vor ihnen beschützen möge. Den Wirkungen des eigenen gesellschaftlichen Zusammenhanges, der sich hinter ihrem Rücken entfaltet und deshalb für sie zu nicht vorhersehbaren Ergebnissen führt, versuchen sie sich zu entziehen, indem sie antizipatorisch definieren, wer als minderwertig bzw. als unwert gilt. Und der Staat als Lenker der unlenkbaren wirtschaftlichen Dynamik soll anhand von Merkmalen wie z.B. der Hautfarbe, der Abstammung, der Religionszugehörigkeit, der sexuellen Ausrichtung oder der Nationalität, die genauso zufällig sind wie der Erfolg oder Misserfolg auf dem Arbeitsmarkt, im Vorhinein eine Selektion vornehmen, die nur ein negatives Zentrum hat, nämlich dies, dass man selbst nicht zu den Unwerten gehören darf.

Politiker und Behörden können sich gegenüber diesen Wutbürgern eine gewisse Sehschwäche auf dem rechten Auge leisten und rassistische Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft verharmlosen oder das Pack, solange es nicht gar zu sehr über die Strenge schlägt, gar noch aufhetzen. Denn es wird der Gesellschaftsordnung, die sie mit allen Mitteln verteidigen, nicht wirklich gefährlich. Zu einer Opposition, die an den Grundfesten der kapitalistischen Produktionsweise rüttelt, wird es sich nie formieren. Es ist vor den Fernsehern, vor denen es montags lieber sitzen würde, als zu demonstrieren, wie der Pegida-Führer Bachmann zugab, schon derartig verblödet, dass es nicht einmal merkt, wie es mit seinem idiotischen Protest gegen die Flüchtlinge die eigene Angst und seine paranoiden Wahnvorstellungen speist.

Das Pack selbst und die Politiker, die so viel Verständnis für seine Sorgen aufbringen und sich zu Fürsprechern verängstigter Ureinwohner und deren angeblich berechtigter Interessen aufschwingen, verschärfen nur mit ihrem sogenannten Populismus den gefühlten Konkurrenzdruck. Alle Maßnahmen, die den Zustrom, wie sie es nennen, begrenzen sollen und die ihre eigene Grenze an den Interessen ihrer Gegner in Wirtschaft und Politik finden, führen höchsten dazu, den Flüchtlingen ihre Flucht weiter zu erschweren, und die Kriterien der pseudonatürlichen Auslese zu verschärfen, die sie für den zentralen Funktionsmechanismus der Gesellschaft halten. Aufhalten werden sie sie nicht. Vielmehr müssen diejenigen, die die Unverschämtheit besitzen, es trotz aller zusätzlichen Schikanen dennoch zu schaffen wie Titanen im Vergleich zu den selbsternannten Herrenmenschlein wirken, die vergeblich ihre Gartenzäune gegen sie hochzogen.

Man kann nun darüber streiten, ob mit einem Einwanderungsgesetz diese Auslese vielleicht rationeller gestaltet werden könnte. Denn von der Notwendigkeit zu selektieren ist man auch in der Wirtschaft überzeugt, nur möchte man dieser Selektion die je eigenen Kriterien zugrundelegen und sich die Rosinen der angeblich Qualifizierten aus dem Flüchtlingskuchen picken. Aber worin soll sich die Qualifikation manifestieren? In einer guten Ausbildung? Möglicherweise ist die besondere, fachliche Eignung der Einwanderer gar nicht von so ausschlaggebender Bedeutung, wie diejenigen immer tun, die für ein solches Gesetz eintreten, entweder weil sie sowieso Jobs übernehmen sollen, deren Ausübung keine besondere Fähigkeiten verlangen, oder weil das Anlernen im Betrieb inzwischen wichtiger geworden ist als irgendeine Ausbildung bzw. eine besondere Eignung nur noch für einige wenige Tätigkeiten in höheren Funktionen entscheidend ist. Renommierte Bildungstheoretiker hegen schon seit langem erhebliche Zweifel daran, dass die Unternehmen tatsächlich nach Fachkräften im Wortsinne suchen, wichtiger dürften ihnen die sozialen Kompetenzen der Bewerber sein, d.h. ihre Bereitschaft und ihr Engagement, sich dem Betrieb und dem Kapitalprozess vorbehaltlos ein- und unterzuordnen. Aber selbst wenn eine politische Steuerung der Auslese per Einwanderungsgesetz wirtschaftlich funktionaler sein könnte, die jetzige, dagegen anarchisch anmutende Form, alles zu unternehmen, die Flüchtlinge an der Wahrnehmung ihrer Rechte zu hindern, bedient viel besser die sozialdarwinistische Ideologie nicht nur derjenigen, die sie propagieren, sondern auch derjenigen, die in den Flüchtlingen eine Chance für die deutsche Wirtschaft sehen: Nur die „Stärksten“ und Anpassungswilligsten sollen überhaupt hierher kommen, nur sie sind es wert, sich in die deutsche Volksgemeinschaft, die eine Volkswirtschaftsgemeinschaft ist, zu integrieren. Gerade in und durch ihren Gegensatz und Streit ergänzen sich Merkel und ihre Gegner wie durch eine politische invisible hand geleitet auf wundersame Art und Weise. Presse und Medien jedoch, die sich bei ihren politischen Betrachtungen ganz auf die Oberfläche und die Gegnerschaft beschränken, die gegensätzlichen Argumente im besten Fall gegeneinander abwägen und sich an dem Konflikt innerhalb der Parteien nachgerade aufgeilen, zeigen sich unfähig, das unbeabsichtigte und deshalb für sie unsichtbare Zusammenwirken der gegeneinandergerichteten Kräfte zu erkennen. So werden der soziale Stoff, aus dem die Projektionen des Packs gemacht sind, und die zirkuläre, sich selbst befeuernde Dynamik des gesamten Prozesses nie zum Thema der öffentlichen Debatte und alle scheinen nur darauf zu warten, dass es endlich doch so richtig knallt.

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