Verirrte Milchbauern

Liebe Milchbauern,

was wollt ihr denn nun? Die Milchquote war nicht gut, sie beschränkte euren Expansionsdrang. Also weg damit! In eurer Vorfreude auf ihre Abschaffung habt ihr euch neue Ställe gebaut und weitere Kühe angeschafft und euch in Erwartung eines satten Profits hoch verschuldet. Jetzt ist sie weg, und gleich jammert ihr wieder. Die Preise sind eingebrochen, weil zuviele Milchprodukte auf dem Markt sind. Was euch das Kilo einbringt, deckt nicht einmal mehr den Kostpreis, geschweige denn, dass es einen angemessenen Produktionspreis entspräche. Das ist schlimm und einige von euch werden ihren Bauernhof wohl dicht machen müssen. Um das zu verhindern, zieht ihr nach Brüssel und protestiert. Wogegen? Gegen sinkende Marktpreise? Hat euch schon einmal jemand gesagt, dass man dagegen nicht protestieren kann. Ihr wollt doch nicht ernsthaft dem üblem Vorurteil, dass die Bauern dumm seien, mit euren Aktionen auch noch Nahrung geben. Schließlich muss man kein Ökonom sein, um zu wissen, dass das Verhältnis von Angebot und Nachfrage und damit die Marktpreise ständigen Schwankungen unterworfen sind, dass sich der Marktwert der Produkte nur als Durchschnitt solcher Schwankungen ergeben kann. Was euch derzeit widerfährt, ist nichts anderes als ein ganz normaler Effekt kapitalistischer Warenwirtschaft. Es ist nichts anderes als euer eigener blinder, bewusstloser Zusammenhang, der sich hinter eurem Rücken geltend macht. Alle produzieren wild drauf los, in der Erwartung so mehr verdienen zu können, und auf dem Markt stellt ihr dann fest, dass ihr insgesamt zuviel hergestellt habt, das Angebot die Nachfrage übersteigt und die Preise fallen. Dann machen einige bankrott oder werden von anderen, die ihr Zeug noch losschlagen konnten, gefressen. So what? Das ist nunmal das Gesetz der Konkurrenz. Ihr könnt dagegen protestieren, weiter von solchen undurchsichtigen und anonymen Verhältnissen beherrscht zu werden. OK! Aber was macht ihr? Ihr fordert vom Staat, dass er ins Marktgeschehen eingreift und euch, wenn es unangenehm wird, einen, wie ihr sagt, „nachhaltigen Preis“ garantiert. Aber war zu diesem Zweck nicht die Milchquote erfunden, die eben vermittels von Produktionsbeschränkungen bewirken sollte, dass kein Überangebot entsteht? Ihr wollt die Quadratur des Kreises, einen Markt mit stabilen Preisen, die euch Expansion und immer mehr Profit garantieren, auch wenn der Markt längst gesättigt ist, oder anders gesagt: eine Konkurrenz ohne Konkurrenz. Die Agrarminister zeigen auch noch Verständnis für diesen Irrsinn. Sie wollen euch helfen, indem sie mit Steuergeldern das überschüssige Zeug aufkaufen. Da sind wir wieder bei den Milch- und Butterbergen.

Sorry, aber wir haben überhaupt kein Verständnis für euch! Warum sollten wir für eure Extrawurst bezahlen. Wir sind sowieso der Meinung, dass eure Preise noch viel zu hoch sind. Ihr produziert nämlich nicht zuviel, sondern zu wenig. Solange Menschen auf diesem Planeten hungern müssen, ist es einigermaßen zynisch, sich über eine angebliche Überproduktion aufzuregen. Es gibt genug, die eure Milch gerne hätten. Aber die können sie nicht bezahlen, nicht einmal zu den derzeitigen Preisen. Wenn ihr anfangt, euch weniger um Profite und mehr um die Befriedigung des Bedarfs zu kümmern, wenn ihr anfangt, euch gegen das Konkurrenzprinzip als solches zu wehren, das euch die Profitmacherei aufzwingt, und nicht nur gegen seine für euch nachteiligen Implikationen, dann könnt ihr auch unserer Unterstützung sicher sein. Bis dahin zahlt ihr den Preis für die falschen Verhältnisse, an denen ihr nicht rütteln, sondern immer nur verdienen wollt – wie alle anderen auch. Das habt ihr euch dann redlich verdient.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik und getaggt als . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

1 × 5 =