Ware Bildung

Die Klage darüber, dass Bildung durch neoliberale Reformen zu einer Ware gemacht wird, gehört in den Kontext der Debatte um die Ökonomisierung der Bildung und des Bildungswesens. Entsprechend der alles beherrschenden Systemtheorie wird das Skandalon der neoliberalen Transformation darin erblickt, dass das Bildungssystem, das als relativ eigenständiges Subsystem seine eigene Logik entwickelt hat, der ihm fremden, tendenziell in Bezug auf es selbst dysfunktionalen, ökonomischen Rationalität unterworfen und damit dem Wirtschaftssystem mehr oder weniger eingegliedert wird.1 Deshalb wird in dieser Debatte gerne und vorrangig zum Gegenstand gemacht, wie das Bildungssystem privatisiert und durchkapitalisiert wird, wie private Organisationen wie die Bertelsmann- oder die Bill-Gates-Stiftung Einfluss darauf nehmen, Schulen und Universitäten sich, auch wenn sie in öffentlicher Hand verbleiben, in Dienstleistungsunternehmen verwandeln und Schülerinnen und Schüler wie auch Studierende zu Kunden werden, mithin Bildung also (endgültig) zu einer verkauf- und kaufbaren Ware und die ehemaligen Bildungsinstitutionen zu gemäß wirtschaftlicher Logik funktionierenden Lehrfabriken werden. Dieser vor allem von Linken2 vorgebrachten Kritik an der Entfremdung der Bildung können sich auch problemlos konservative Bildungsbürger3 anschließen, die sich bzw. ihre Kinder um ihr Alleinstellungsmerkmal kultureller Allgemeinbildung betrogen sehen, sich über den Massenkonsum der Bildung aufregen und ihr Bildungsprivileg dadurch zu retten suchen, dass sie die wahre Bildung von der Ware Bildung abheben.

Solch sonderbare Allianzen4 ergeben sich zu einem dadurch, dass linke wie rechte Kritiker sich auf die gute alte (vor allem deutsche) Bildungstradition berufen, um am Maßstab der neuhumanistischen Bildungsidee die neoliberalen Reformen zu messen, zum anderen dadurch, dass beide Seiten unisono in Bezug auf den Reformprozess ganz allgemein von einer Ökonomisierung der Bildung sprechen. In der Nacht der Abstraktion sind bekanntlich alle Kühe grau. Wo man es gerade auf Seiten der Linken unterlässt, längst bekannte Unterscheidungen durchzuhalten, muss man sich nicht wundern, wenn man sich ungewollt plötzlich in einer Gesellschaft wiederfindet, die man sonst lieber meidet. Denn die Rede von der Ökonomisierung insgesamt, sei es der Bildung oder auch der anderer Bereiche ist Ideologie in Reinform, weil damit dem allgemeinen Begriff für wirtschaftliches Handeln einfach die besondere kapitalistische Form des Wirtschaftens unterschoben wird. Beides wird identisch gesetzt, so als wäre gar keine andere Form des Wirtschaftens denkbar als eben die bestehende kapitalistische. Dabei sind durchaus Zweifel angebracht, ob das, was da Ökonomie geheißen wird, überhaupt ökonomisch im allgemeinen Sinne des Begriffs Ökonomie ist. Bezeichnet der doch den rationalen und effizienten Ressourcen- und Mitteleinsatz zu Zwecken der Bedürfnisbefriedigung. Und davon kann nun in Bezug auf die kapitalistische Form der Ökonomie mit ihrer riesenhaften Verschwendung bei gleichzeitiger Verknappung elementarer Güter für den überwiegenden Teil der Erdbevölkerung wirklich nicht die Rede sein.5 In Bezug auf die Bildung entsteht jedoch aufgrund der Gleichsetzung von Wirtschaft überhaupt und kapitalistischer Produktionsweise der fatale Eindruck, es gäbe einen grundsätzlichen und unüberwindbaren Widerspruch zwischen Bildung und wirtschaftlicher Nützlichkeit schlechthin. In der Folge wird in der Kritik an der Ökonomisierung die abstrakte Entgegensetzung von Bildung und Ausbildung reproduziert, die schon für den neuhumanistischen Bildungsbegriff konstitutiv ist.

Mit dieser Kritik an der unkritischen Ökonomisierungskritik soll selbstverständlich gar nicht geleugnet werden, dass im Zuge neoliberaler Reformen auch der gesamte Bildungssektor und mit ihm die Bildung wirtschaftlicher Rationalität, genauer dem betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Kalkül untergeordnet wird – auch dort, wo wie in den öffentlichen Schulen gar kein Kapital verwertet wird. Allerdings hat das der Bildungssektor mit vielen einst privaten und öffentlichen Bereichen gemeinsam, auf die das ökonomische System im Sinne einer Zuspitzung von Max Webers Rationalisierungsthese übergreift. Die Konzentration darauf, dass es dem Bildungsbereich so ergeht wie der Gesundheitsfürsorge und allen anderen Subsystemen, deren Profitabilität das Kapital für sich entdeckt, verdeckt jedoch die differentia specifica dieses Vorgangs im Bildungsbereich, das, was ihn von anderen unterscheidet und zu einem besonderen macht. Und das ist eben nicht, dass dort, wo immer das möglich ist, privatisiert wird, dass auch der formell noch öffentliche Teil des Bildungssektors privatwirtschaftlich organisiert wird und dass Bildung zur Ware in Form einer Dienstleistung von Lehrenden wird, deren Arbeitsbedingungen sich infolgedessen recht drastisch verändern, sondern dass in Schulen und Universitäten eine ganz besondere Ware, nämlich die für die Kapitalverwertung alles entscheidende Ware Arbeitskraft produziert wird. Die soll, geht es nach den neoliberalen Wirtschaftstheoretikern, zu dem formiert werden, was sie Humankapital nennen. Der pädagogische Imperativ, der diese Produktion bestimmt, heißt: „Werde Subjekt!“ und sieht Kants Wahlspruch: „Sapere aude!“ zum Verwechseln ähnlich. Präziser gefasst wird er jedoch durch die Formel: „Werde zum Unternehmer deiner selbst!“ Dieser Aufforderung wird nur die Arbeitskraft gerecht, die nicht nur versteht, sich optimal zu vermarkten, sondern auch gelernt hat, im modernen Produktionsprozess ganz selbständig die Produktionsmittel anzuwenden, um sich selbst im Sinne kapitalistischer Profitabilität auszubeuten. Die moderne Bildung besteht wesentlich in der Verinnerlichung des Kapitalverhältnisses. Nur wenn der Angestellte sich selbst zum Agenten des zu verwertenden Kapitals macht, kann die Produktion nach heutigen Standards optimiert, d.h. dezentral organisiert, Bürokratie abgebaut und die Hierarchie ausgedünnt werden, damit das Unternehmen im Wettbewerb bestehen kann.6 Dementsprechend geht es bei der heutigen Bildung weniger um die Vermittlung von Wissen oder wissenschaftlich-technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, von denen sowieso niemand weiß, ob sie in 5 Jahren noch gebraucht werden, als um die Formierung des als Humankapital bezeichneten Sozialcharakters. Da solche Bildung jedoch auf Selbstausbeutung zielt, rückt die Motivation der potentiellen zukünftigen Arbeitskräfte ins Zentrum des pädagogischen Interesses: Sie sollen von sich aus wollen, was sie sollen – und zwar aus vollem Herzen und mit allen Kräften. Pure Einsicht in die Notwenigkeit reicht nicht mehr, das gilt für viel zu resignativ. Ganz aufgehen sollen sie später einmal in der corporate identity. Denn das Kapital ist eben nicht das automatische Subjekt, als das es erscheint, sondern der moderne Verwertungsprozess wird nur aufrechterhalten und vorangetrieben von den Subjekten, die sich in ihm und für ihn voll engagieren müssen, um ihn mit ihrer Lebendigkeit am Leben zu erhalten. Mit dem Versprechen allgemeiner Chancengleichheit, zu der die einstige Forderung nach Bildung für alle heruntergekommen ist und die das Bildungssystem bieten soll, werden die nun verlockt, am Aufstiegsrennen um die immer rarer werdenden, noch akzeptablen Positionen im Produktionsprozess teilzunehmen, um sich in diesem Windhundrennen zu vollendeten Konkurrenzindividuen zu bilden, deren Selbstbewusstsein sich ausschließlich aus dem Vergleich mit anderen speist.7 Das erste Mittel der schulischen Wahl dafür ist die althergebrachte Notengebung, die noch nie irgendeinem erkennbaren pädagogischen Zweck diente. Die haben die Neoliberalen nun wahrlich nicht erfunden, aber sie haben sie zur beständigen Evaluation von allem und jedem weiterentwickelt, die immer irgendein Ranking zum Ziel hat.

Die völlige Entfremdung der Bildung, der Prozess, in dem sie zur Ware und die Arbeitskraft zum Humankapital wird, eröffnet aber vielleicht gerade die Möglichkeit, den traditionellen, bürgerlichen Bildungsbegriff über sich selbst hinauszutreiben und einen neuen zu entwickeln. Denn die bürgerliche Idee der Bildung büßte im Laufe ihrer Geschichte ihren aufklärerisch, kritischen Charakter ein und verkam letztlich zur Rechtfertigung der Trennung von geistiger und körperlicher Tätigkeit und damit der Einteilung der Gesellschaft in Klassen. Vorgezeichnet war diese Entwicklung bereits in der neuhumanistischen Fassung des Bildungsbegriffs, in dem einerseits die freie Entfaltung des Individuums aufs Bildungspodest gehoben und zum Zweck und zur Bedingung der Gesellschaft gemacht wurde, andrerseits mit der Formulierung des Gegensatzes von Bildung und Ausbildung die Bildungsidee sich zugleich von der gesellschaftlichen Praxis und ihrer Veränderung verabschiedete.8 Genau diese Scheidung der Bildung von der Ausbildung löst sich aber nun damit auf, dass Bildung in ihrer Entfremdung so vollständig den Bedürfnissen der Produktion theoretisch wie praktisch subsumiert, auf Verwertung, schließlich Selbstverwertung ausgerichtet wird. Indem durch die sogenannte Ökonomisierung das Bildungswesen gewissermaßen seinen Sonderstatus einbüßt, weil es wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft durchkapitalisiert wird, indem ihm zudem in dem Gesamtprozess die zentrale Rolle zuwächst, die Ware Arbeitskraft als fürs Kapital produktive zu formieren, wird auch dieser Gesamtprozess und ihre Stellung darin wieder zum Gegenstand von Bildungsprozessen. Bildung zeichnet sich dann durch die Reflexion gesamtgesellschaftlicher Vorgänge aus, sie lässt sich nicht mehr ab- und eingrenzen auf den Bereich der (schöngeistigen) Kultur. Bildung gewinnt so ihren Bezug zur gesellschaftlichen Praxis zurück. Will sie noch ihrem traditionellen Auftrag zur Selbstreflexion gerecht werden will, kann moderne Bildungstheorie gar nicht mehr Bildung und Bildungswesen für sich im reinen Selbstbezug erfassen, sondern sie wird durch deren Einverleibung ins Wirtschaftssystem dazu gezwungen, sie als Moment des Gesellschaftsprozesses zu denken. Das Allgemeine, der selbstzerstörerische kapitalistische Produktionsprozess wird ihr in ihrer Reflexion auf sich notwendig zum Gegenstand. Bildungstheorie bewährt sich als Gesellschaftsanalyse. Und das beinhaltet das Potential, den Spieß nun umzudrehen und den Produktionsprozess der Bildung zu subsumieren. Emanzipation kann im Durchgang durch die völlige Entfremdung glücken.

 

Fußnoten:

Der kurze Beitrag ist eine Frucht eines Seminars mit dem Titel „Zum Verhältnis von Arbeit und Bildung“, das ich im Sommersemester 2020 im Master Bildungstheorie und Gesellschaftsanalyse des Fachbereichs Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal abhalten konnte und in dem Texte von Erich Ribolits besprochen wurden. Ich danke den Seminarteilnehmerinnen und –teilnehmern für die interessante Diskussion, aus der schließlich der kleine Text hervorgegangen ist.

1Tatsächlich zeigen neoliberale Wirtschaftstheoretiker wie Gary S. Becker keinerlei Hemmungen, ganz offen und unverschämt solche Einverleibung nicht nur zu legitimieren, sondern gar zu propagieren. Für sie ist der homo oeconomicus, wie sie ihn definieren, der Inbegriff der Rationalität. Wer davon nicht so überzeugt ist wie sie, dem sprechen sie kurzerhand jegliche Ratio ab. Vgl.: Gary S. Becker: Die ökonomische Sicht menschlichen Verhaltens, In: Ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, Tübingen 1996.

2Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat bereits mehrere Ökonomisierungsstudien in Auftrag gegeben. Die letzte stammt von Tim Engartner: Ökonomisierung schulischer Bildung, https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_6-2020_Oekonomisierung_schulischer_Bildung_Web.pdf; (Stand 26.07.2020).

3Vgl. um nur ein Beispiel zu nennen: Jochen Krautz: Ware Bildung. Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie, 2007, auch einsehbar unter https://books.google.de/books/about/Ware_Bildung.html?id=xtoNa045eI8C&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false; (Stand 26.07.2020).

4In der Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. z.B. finden die beiden Lager auch organisatorisch zusammen. Vgl. https://bildung-wissen.eu/; (Stand 27.07.2020).

5Marxistische Kritiker der sogenannten Ökonomisierung sprechen deshalb in Anlehnung an Marx‘ Begriff der ursprünglichen Akkumulation lieber von kapitalistischer Landnahme im wörtlichen und übertragenen Sinn (der gewaltsamen Erschließung neuer Bereiche für deren Kapitalisierung). Vgl. David Harvey: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005.

6Vgl. Erich Ribolits: Die Arbeit hoch? Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus, München / Wien 1997, S. 150ff.

7Vgl. Erich Ribolits: Erhebet euch Geliebte, wir brauchen eine Tat!, in: Ders.: Bildung – Kampfbegriff oder Pathosformel. Über die revolutionären Wurzeln und die bürgerliche Geschichte des Bildungsbegriffs, Wien 2011, S. 31.

8Vgl. ebd., S. 13-48.

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